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Zahlensender - öffentliches Geheimnis

Zahlensender sind öffentlich frei abhörbare Geheimsender, die von einigen Staaten als Einwegkommunikation mit Personen in anderen Ländern benutzt werden. Zahlensender können sowohl Sprache übertragen als auch Morsezeichen oder andere Tonfolgen. Weil Zahlensender mit fast jedem handelsüblichen Radio, das einen Kurzwellenbereich besitzt, empfangen werden können, brauchen z.B. Agenten keine auffällige - weil ungewöhnliche - Funktechnik mit ins Zielland nehmen.

Das erste Mal hörte ich einen deutschsprachigen Zahlensender Mitte der 80er Jahre durch Zufall. Eine Frauenstimme verlas endlos anmutende Zahlenkolonnen in monotoner Stimmlage, gruppiert in Fünfer-Gruppen. Seinerzeit war es schwierig, an Informationen zum Hintergrund solcher Sendungen zu kommen. Heute ist die Recherche leichter; erstaunlicher Weise (oder auch eben gerade nicht) bekommt man offizielle Informationen fast gar nicht.

Audiobeispiel für den russischen Zahlensender M01b, der im Morsecode sendet.

Zahlensender können Sprache, Morsezeichen, tonkodierte Zeichen und z.T. auch kleine Datendateien übertragen. Sie richten sich von staatlichen Stellen - zumeist Geheimdiensten - an ihre Gegenstellen in anderen Ländern. Geheimdienste wenden sich mit Zahlensendern an Agenten, ohne damit Spuren zu hinterlassen. Der Empfang einer Kurzwellenübertragung kann nicht festgestellt werden, außer es hört jemand den Empfangsraum ab. Die Sendungen sind immer kodiert. Nur selten mischen sich in Zahlensender auch einzelne scheinbar unverschlüsselte Worte, doch dabei handelt es sich wohl um Codeworte. Noch seltener sind Sendefehler, wenn Techniker im Hintergrund Arbeiten am Sender vornehmen.

Audiobeispiel für einen polnischen Zahlensender (E11, Warschau, in englischer Sprache)

Zahlensender können sogar von Amateuren eingepeilt werden, wobei die Genauigkeit natürlich nicht straßengenau ist.

Auch Militärstationen sind bekannt. Weil die Kommunikation nur in eine Richtung verläuft, eignen sie sich nur zum Verteilen von Informationen, wie zum Beispiel Wetterberichten. Das gleiche gilt für diplomatische Stationen. Was sie verteilen könnten, ist unbekannt.

Audiobeispiel für den kubanischen Sender HM01, Mischung aus Sprache und Binärdaten (Dateiübertragung)

Wie Geheimagenten den Zahlensender nutzen

Dass der Sender so leicht und ohne aufzufallen abzuhören ist, macht ihn so beliebt. Die sendende Stelle verschlüsselt die Anweisungen an die Agenten im Ausland, und zu einem festgelegten Zeitpunkt wird die Sendung gestartet. Alle Agenten werden mit dem verschlüsselten Rufzeichen angesprochen. Der polnische Zahlensender E11 - Betreiber unbekannt - sendet beispielsweise eine dreistellige Zahl, dann einen Trennstrich ("Oblique"), dann die Anzahl der folgenden Gruppen (d.h., die 5er Blöcke mit Ziffern, in denen die Nachricht kodiert wird). Es folgt das Wort "Attention", dann die Gruppen. Nach einem weiteren "Attention" folgen weitere 5-stellige Gruppen mit bestimmten Pausen, zum Schluß der Sendung folgt "out".

Der Agent schreibt die für ihn bestimmten Gruppen mit und entschlüsselt sie mit einem seiner One-Time-Pads. Wahrscheinlich besitzen die Pads eine Nummer, die im Funkspruch untergebracht ist. Hat der Agent die Nachricht entschlüsselt, so vernichtet er seine Mitschrift, den Schlüssel und tunlichst auch die entzifferte Botschaft. Seinen Empfänger stellt er wieder auf eine "harmlose" Frequenz ein.

Die Verschlüsselungstechnik findet man beispielsweise hier beschrieben: Wie funktioniert Verschlüsselung? Ich habe da eine sehr gute unknackbare, zugleich einfache Verschlüsselungsmethode beschrieben, die allerdings mit Buchstaben funktioniert. Wenn wir statt Buchstaben deren ASCII-Code verwenden (oder eine besondere Tabelle, in der die Buchstaben andere Nummern erhalten) und die entstehenden Zahlenkolonnen in 5er-Gruppen aufteilen, funktionieren solche Verschlüsselungen unverändert.

Hier sehen wir nochmal in Zeile 30 einen Schlüssel und darunter in Zeile 31 die entsprechenden Buchstaben-Codes aus der ASCII-Tabelle, wie sie weltweit üblich ist. In Zeile 37 finden wir das Ergebnis nach Verschlüsselung (und einem Rechenschritt, damit wir keine ungültigen Zeichen bekommen). Zeile 38 zeigt zu dem Schlüsseltext die passenden Ziffern, also:

888279767177677777707270737769728780688486858189758682767886757680718371
in 5er-Gruppen:
88827 97671 77677 77770 72707 37769 72878 06884 86858 18975 86827 67886 75768 07183 71
(die letzten zwei Ziffern sind "solo", man würde hier den Klartext entsprechend mit "XX" auffüllen, damit auch diese Gruppe 5 Stellen hat)

Warum Zahlen? Es gibt sehr viel weniger Zahlen als Worte oder auch nur Buchstaben. Bei schlechten Verbindungen können Buchstaben schon einmal verwechselt werden. Ein falscher Buchstabe kann bei manchen Verschlüsselungsverfahren die Entschlüsselung verhindern. In früheren Zeiten konnten die damals primitiven Geräte eine Stimme nur aufwendig synthetisch nachmachen. Für eine Übertragung boten sich daher wenige und einfache Sound-Samples an.

Hier findet man die eben gezeigten Zifferngruppen einmal in Englisch und einmal in Deutsch ausgegeben. Die Sprechgeschwindigkeit ist natürlich viel zu schnell zum Mitschreiben, aber das kann ein Profi leicht korrigieren.

In der Tat gab es früher noch Sprecher und Sprecherinnen, die diese mühevolle Aufgabe irgendwo in einem Sendestudio des Geheimdienstes auf sich nehmen mußten. 

Was die Verschlüsselung angeht, so werden ziemlich sicher One-Time-Pads verwendet, da sie einfach und billig zu erzeugen sind, aber die damit durchgeführte Verschlüsselung nicht zu "knacken" ist. Das einzige Problem dabei ist, dass Sender und Agent denselben Schlüssel haben müssen, der Schlüssel lang genug sein muss und zufällig - mit anderen Worten, man kann ihn sich nicht merken. Daher muss der Schlüssel entweder mitgeführt werden, oder er wird im Zielland auf unauffällige Weise von anderen Agenten "für später" hinterlegt. Man kann ihn mit steganografischen Methoden auch in harmlosen Dateien verstecken. Denkbar wäre es auch, den Schlüssel in einer ansonsten völlig sinnlosen langen Ausstrahlung von Zahlen zu verbergen ("in jeder siebten Zahl ist eine Codezahl drin" oder so). Man kann auch scheinbar harmlose Dateien mit dem Schlüssel anreichern. Die Möglichkeiten sind fast endlos.

Wie antwortet der Agent?

Am sichersten: gar nicht oder erst nach Rückkehr in sein Heimatland. Jede Kommunikation mit seiner Führung gefährdet ihn und seinen Auftrag, er arbeitet deswegen am besten allein und auf sich gestellt. Ob er seine über die Number Station gesendeten Aufträge erhalten hat, ob er sie dann auch ausführte - all das weiß sein Führungspersonal frühestens bei der Rückkehr.

Ähneln sich die Sender?

In der Tat kann man z.B. den weiter oben gezeigten polnischen Sender E11 mit dem (derzeit inaktiven) kubanischen Sender E17 vergleichen. Eine ID beginnt die Übertragung, es folgen die Anzahl der Gruppen, dann die 5er Gruppen selbst, danach noch weitere Zahlenkombinationen. Statt mit "out" wird die Transmission mit "00000" beendet. Wahrscheinlich stammen die Sendekonzepte noch aus den Zeiten des Warschauer Paktes. Es könnte sein, dass sie sowjetischen Ursprungs sind und dann von Kuba übernommen wurden. Bewährtes kann man bis heute ja beibehalten.

Audiobeispiel russischer Sender E07 in englischer Sprache:

Wo sind die Zielgebiete?

Geheimdienste führen ihre Agenten im Inland nicht mit Zahlensendern. Sie richten ihre Sendungen also an Agenten im Auslandseinsatz. Es kommt darauf an, dass der Sender zur Sendezeit im Zielland zu hören ist. Fiktives Beispiel: strahlt ein südamerikanischer Sender tagsüber eine Sendung aus, die aus technischen Gründen (der Empfang von Kurzwelle ist auch stark tageszeit-abhängig) zum Sendezeitpunkt nur in Nordamerika und vielleicht noch Japan zu hören ist, sitzt der angesprochene Agent wahrscheinlich nicht in Europa. Und um 2:00 Uhr morgens Lokalzeit wird man den Agenten vermutlich auch eher in Ruhe lassen - wer um die Zeit sein Radio betreibt, fällt vielleicht eher auf. Damit kann man die Zielgebiete schon recht gut einschränken.

Einen weiteren Hinweis liefert manchmal, aber nicht immer die Sprache. Der polnische Sender E11 sendet auf Englisch. Es kann sein, dass er sich an Agenten in einem englischsprachigen Land richtet, aber natürlich ist Englisch so weit verbreitet ... es ist vielleicht für die technische Umsetzung einfacher?

Hat das Lesen Spaß gemacht? Appetit auf mehr? Ich würde mich über Kommentare freuen.

Quellen und Nützliches

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Zahlensender
  2. http://websdr.org/ Verzeichnis vieler über einen normalen Browser verfügbaren Webseiten mit WebSDR
  3. http://priyom.org/ Englischsprachige Website mit vielen Informationen zu Number Stations, deren Frequenzen und Sendeplänen, Hintergrund und mehr. Zeigt auf der Startseite die nächste kommende Übertragung an, und bietet bequem einen Link, um diese Station sofort im korrekten Empfangsmodus einzustellen.
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/The_Conet_Project "The Conet Project" hat insgesamt 5 CDs mit Aufnahmen verschiedener Zahlensender weltweit zusammengestellt.

 

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