Das 1837 im klassizistischen Stil erbaute Wohn- und Geschäftshaus Heiligengeiststraße 24 gehörte zu den bedeutendsten erhaltenen Wohnhäusern Oldenburgs aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Obwohl es nie unter Denkmalschutz gestellt wurde, spielte es in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle in der städtebaulichen Diskussion um die Neugestaltung des ehemaligen Finanzamtsareals. Im Mai 2024 wurde das Haus schließlich abgebrochen.
Wir konnten mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers am 12.01.2021 hinein, es kam sogar extra jemand in seiner Mittagspause herangeradelt, um auf- und später wieder zuzuschließen, einen ganz herzlichen Dank von uns an Herrn M.!
Im Innern sahen wir nicht viel, was aus der Bauzeit stammen könnte, vielleicht noch die hohen Doppelflügel-Türen an den beiden Wohnungseingängen und ein, zwei Türbeschläge, oder ein paar Fenster auf der Vorderseite. Die Elektroinstallation war insgesamt zum Fürchten - eine zweipolige Steckdose oberhalb eines Waschbeckens zum Beispiel. Anderswo waren wieder dreipolige Steckdosen zu sehen. Und - heute sowas von verboten! - mit Lichtschalter oberhalb der nicht abgedeckten Steckdose.
Bauherr und erster Eigentümer war Generalmajor Johann Ludwig Mosle. Ursprünglich handelte es sich um ein repräsentatives Wohnhaus, später wurde daraus ein Wohn- und Geschäftshaus. Johann Ludwig Mosle (1794–1877) gehörte zu den bedeutenden Persönlichkeiten des Großherzogtums Oldenburg. Zu seinen Verdiensten zählen die Förderung des Hunte-Ems-Kanals (Vorläufer des Küstenkanals), und sein Engagement für die Moorkolonisation. Nach ihm wurde Moslesfehn benannt, und auch die Moslestraße.
Er ließ sich das Haus 1837 als repräsentativer Wohnsitz unmittelbar außerhalb der damaligen historischen Altstadt errichtet.
Das Gebäude war ein typisches Beispiel des Oldenburger Klassizismus: zweigeschossiger Putzbau, Walmdach, fünf symmetrische Fensterachsen, streng gegliederte Fassade und eine ursprünglich klassizistische Eingangsgestaltung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde insbesondere das Erdgeschoss durch den Einbau eines Ladenlokals erheblich verändert. Dadurch ging ein Teil der ursprünglichen Fassadengestaltung verloren.
Das Haus entstand in einer Zeit, als Oldenburg über seine ehemaligen Wallanlagen hinauswuchs. Die Heiligengeiststraße entwickelte sich ab den 1830er Jahren zu einer repräsentativen Ausfallstraße mit zahlreichen klassizistischen Wohnhäusern wohlhabender Bürger, Beamter und Offiziere. Das Gebäude Nr. 24 war eines der frühesten Beispiele dieser Stadterweiterung.
Denkmalschutz?
Etwa 2020 leitete das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege ein Verfahren zur Eintragung in das Denkmalverzeichnis ein. Die Stadt Oldenburg sprach sich jedoch dagegen aus und führte unter anderem die starke Überformung des Erdgeschosses (Umbau des Eingangs, zwei Läden entstanden), schlechter baulicher Zustand und damit einhergehend ein ganz erheblicher Sanierungsbedarf.
Das Gebäude wurde daher nicht als Baudenkmal eingetragen. Diese Entscheidung war laut Zeitungsberichten fachlich und politisch umstritten. Das Haus lag unmittelbar am Areal des ehemaligen Finanzamtes an der 91er Straße. 2020 wurde das Grundstück zusammen mit dem Finanzamtsgelände an einen Investor verkauft. Geplant war eine großflächige Neubebauung mit Einzelhandel und weiteren Nutzungen. Nach erheblicher öffentlicher Kritik scheiterte das Vorhaben; der Kaufvertrag wurde rückabgewickelt und das Land Niedersachsen blieb Eigentümer des Finanzamtsgeländes. Das Gebäude Heiligengeiststraße 24 blieb zunächst bestehen und wurde später aus Sicherheitsgründen komplett verschalt. Im Mai 2024 begann der Abriss des Hauses.
Nach Angaben des Eigentümers soll auf dem Grundstück künftig ein Neubau entstehen. Derzeit (2026) ist konkrete Gestaltung noch nicht öffentlich festgelegt. Der Abriss löste erneut Kritik aus, da innerhalb kurzer Zeit bereits mehrere klassizistische Gebäude in Oldenburg verloren gegangen waren. Die "Oldenburgische Landschaft" bezeichnete den Verlust als weiteren Rückschlag für das historische Stadtbild. Das Gebäude war über Jahre zu einem Symbol der Debatte über den Umgang mit historischer Bausubstanz in Oldenburg geworden. Befürworter des Erhalts verwiesen auf seine Verbindung zu Johann Ludwig Mosle, den hohen stadtgeschichtlichen Wert, die Ensemblewirkung mit den Nachbarhäusern, seine Bedeutung als eines der wenigen noch erhaltenen klassizistischen Wohnhäuser an der Heiligengeiststraße.
Die andere Ansicht betonte den schlechten Bauzustand, die inzwischen ganz erheblichen Umbauten, die den Charakter des Hauses schon Jahrzehnte früher vollständig änderten, und die geplante städtebauliche Neuordnung des Quartiers.
Chronologie
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1837 | Bau des Hauses durch Generalmajor Johann Ludwig Mosle |
| 19.–20. Jh. | Nutzung als Wohnhaus, später Wohn- und Geschäftshaus |
| ca. 2020 | Einleitung eines Denkmalschutzverfahrens |
| 2020 | Einbeziehung in die Planungen zum ehemaligen Finanzamtsgelände |
| 2021 | Scheitern des ursprünglichen Investorenprojekts |
| Mai 2024 | Abriss des Gebäudes |
| seit 2024 | Neuplanung des Quartiers im Rahmen des Bebauungsplans 842 |
Für dieses Gebäude lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen eine erstaunlich detaillierte Geschichte rekonstruieren. Die öffentlich zugänglichen Quellen reichen allerdings nicht aus, um lückenlos alle Eigentümer und Bewohner aufzulisten – dafür müssen historische Adressbücher, Grundbücher und Bauakten ausgewertet werden. Dennoch lässt sich bereits Folgendes zusammenstellen:
1. Bau und erste Nutzung (1837)
Das Haus wurde 1837 für Generalmajor Johann Ludwig Mosle (1794–1877) errichtet. Es entstand in einer Phase, in der sich Oldenburg erstmals deutlich über die ehemalige Wallanlage hinaus ausdehnte. Die Heiligengeiststraße war damals eine neue repräsentative Wohnstraße für höhere Beamte, Offiziere und wohlhabende Bürger. Mosle wohnte dort gemeinsam mit seiner Ehefrau Friederike von Jägersfeld. Das Ehepaar blieb kinderlos, nahm jedoch mehrere Verwandte in seinem Haus auf, darunter den späteren General Wilhelm von Amann. Das Gebäude war daher nicht nur Wohnhaus, sondern auch gesellschaftlicher Treffpunkt eines einflussreichen oldenburgischen Staatsbeamten.
2. Das Gebäude
Bekannt sind folgende Kerndaten:
- Baujahr: 1837
- zweigeschossiges klassizistisches Wohnhaus
- Walmdach
- fünfachsige Straßenfassade
- repräsentative Eingangsgestaltung
- massives Mauerwerk mit Putzfassade
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das Erdgeschoss zu Geschäftszwecken umgebaut. Dadurch verschwanden Eingang und Fenster des Erdgeschosses weitgehend hinter einer Ladenfront; das Obergeschoss blieb dagegen nahezu unverändert erhalten. Der Einbau der Toilettenräume scheint viel später vorgenommen worden zu sein, und um die Grundfläche nicht allzu arg einzuschränken, sind die Räume unglaublich schmal, eng und dunkel. Die dunklen, fast schon sargähnlich anmutenden Klos hat man obendrein noch in gruseligem 70er-Jahre-Grün ausgestaltet.
3. Die Zeit nach Mosle
Nach dem Tod Mosles im Jahr 1877 wechselte das Haus mehrfach den Besitzer. Aus den historischen Oldenburger Einwohner- und Adressbüchern geht hervor, dass die Gebäude der Heiligengeiststraße regelmäßig mit den jeweiligen Eigentümern und Bewohnern erfasst wurden. Für Heiligengeiststraße 24 lassen sich damit über Jahrzehnte Eigentümer, Mieter und Berufe nachvollziehen. Das Stadtarchiv weist ausdrücklich darauf hin, dass seine Veröffentlichungen genau solche Veränderungen dokumentieren.
Typisch für das Gebäude war seine Entwicklung, zunächst am Ende des 19. Jahrhunderts ein großbürgerliches Wohnhaus, dann zu Anfang des 20. Jahrhunderts: ein Wohnhaus mit Praxis oder Ladennutzung, nach dem Zweiten Weltkrieg eine Mischnutzung aus Wohnungen und Gewerbe. Später erfolgte überwiegend Geschäftsnutzung im Erdgeschoss (ich meine, mich an ein Blumengeschäft und ein Modegeschäft zu erinnern). Im 1. Obergeschoß befanden sich zwei Wohnungen, im Dachgeschoß sieht es aus, als ob dort auch noch jemand gewohnt haben könnte.
4. Bauakten
Für die Heiligengeiststraße existieren im Stadtarchiv umfangreiche Baupolizeiakten aus den Jahren 1826–1919 sowie 1900–1921. Darin befinden sich die Bauzeichnungen, Bauanträge, Unterlagen zu Umbauten, Eigentümerwechsel, diverse Genehmigungen und sonstige Korrespondenz. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch zu Haus Nr. 24 Unterlagen vorhanden sind.
































































































