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Gibt es einen Urbexer-Codex?

Oft zu lesen, wohl von vielen nicht verstanden und von etlichen nicht beherzigt:

"Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints."

Blindwütige Zerstörungen (Foto: Angela Krause)

Das sollte doch eigentlich eindeutig sein, oder? "Nimm nichts mit - außer Deinen Bildern. Laß nichts da - außer Deinen Fußspuren!"

Was bedeutet das, und was ist denn überhaupt verbindlich auf der Suche nach dem ultimativen Lost Place?

Grundsätzlich her kann man als Lost Place definieren: ein Ort, der seine ursprüngliche Bestimmung zunächst einmal endgültig verloren hat und (derzeit) nicht mehr genutzt wird. Das ist eine aufgegebene Fabrikanlage, ein verfallenes Haus, eine ehemalige Kasernenanlage der GSSD, und dergleichen. Nicht davon umfaßt sind vorübergehend leerstehende Gebäude, obwohl die ja fotografisch auch recht interessant sein könnten.

Gemeinsam ist, daß alle diese Plätze mit ziemlicher Sicherheit einen Eigentümer haben. Es kommt dabei nicht auf den optischen Zustand von Anlagen an!

So könnte ein Verhaltenskodex aussehen:

  1. Ich respektiere fremdes Eigentum, so wie ich das von anderen auch verlange. Deswegen öffne ich keinen Zugang gewaltsam, oder beschädige eine Verschlußeinrichtung. Ich betrete ein Grundstück oder ein Gebäude / eine Anlage / eine Ruine nur dann, wenn ich davon ausgehen kann, nicht gegen den Willen des Eigentümers dort zu sein. Eine gut erhaltene Umzäunung, oder ein ständiger Wachschutz sprechen dafür, daß der Eigentümer sich noch mit seiner Anlage befaßt. Längst umgesunkene Zäune, Ruinen im letzten Stadium eines Verfalls sprecher eher dafür, daß dem Eigentümer das eher Wurst ist.
  2. Ich nehme von einer Location nichts mit, auch keine "kleinen Andenken", und lasse nichts da - auch keine Kippen, kein Verpackungen - nichts.
  3. Ich verändere am Ort nichts, nehme nichts weg und füge nichts hinzu.
  4. Ich rauche möglichst nicht - und nur dann vor Ort, wenn ich die Kippe in einen mitgebrachten Ascher entsorgen kann. Ich rauche dort nicht, wo - besonders im Sommer - durch Unachtsamkeit und Funkenflug ein Brand entstehen könnte. Ich rauche auch nicht in längst verlassenen Industrieanlagen, weil ich nie weiß, ob nicht doch noch brennbare Altlasten vorhanden sind. Am besten lasse ich es ganz, bis ich die Location wieder verlassen habe.
  5. Sprayen ist für mich absolut "no-go".
  6. In einer Location verhalte ich mich vorsichtig, auf daß ich nicht mich oder auch andere gefährde. Ich werfe nichts in Löcher oder aus Fenstern, berühre auch keine elektrischen Anlagen. Nicht immer ist der Strom wirklich abgeschaltet. Deswegen öffne ich auch keine Flaschen und andere Behälter. Ich gehe niemals ohne Licht in einen dunklen Raum, und nehme immer eine Reservelampe mit. 
  7. Ich sage vor meiner Tour mindestens einer Person meines Vertrauens, wo ich bin (Koordinaten!), wie lange ich mich dort aufhalten werde und was ich dort tue. Ich verabrede, daß ich mich bei einem längeren Aufenthalt dort regelmäßig melde, oder aber ein "okay" gebe, wenn ich die Location wieder verlassen habe. Wenn ich mich verspäte, dann denke ich daran, eine entsprechende Nachricht abzusetzen. Meine Kontaktperson soll nach einer gewissen Zeit, wenn sie nichts von mir hört, für Hilfe sorgen.
  8. Ich bereite meine Tour sorgfältig vor. Es ist ärgerlich, wenn die Kamera-Akkus nicht geladen sind - aber gefährlich ist es keineswegs. Es ist aber lebensgefährlich, wenn ein verschmutzter Nagel durch eine Sohle getreten wird. Deswegen trage ich auch beispielsweise Sicherheitsschuhe.
  9. Ich parke nicht so, daß Dritte auf mein Vorhaben aufmerksam werden. Unser Hobby braucht keine öffentliche Aufmerksamkeit, die sich auf illegales Betreten von Grundstücken richtet (und illegal dürfte das Betreten ja meist sein ...).
  10. Wenn ich einen Eigentümer um Erlaubnis fragen kann, so tue ich das. Ich unterzeichne natürlich auf Verlangen eine Haftungsfreistellung, um Bedenken auszuräumen. Ich enttäsuche keinen großzügigen Eigentümer, indem ich irgendwas beschädige oder gar stehle.
  11. Ich verrate meine Locations nicht, und veröffentliche ausschließlich Fotos, bei denen Geodaten aus den Dateien (EXIF) entfernt worden sind. Deswegen poste ich unterwegs nur dann vom Smartphone, wenn ich absolut sicher bin, daß keine Koordinaten im Bild enthalten sind.
  12. Von meinen Fotos entferne ich bei der Veröffentlichung alles, was auf den Ort hinweist. Das können Beschriftungen sein, oder auch Wappen, Abbildungen, der Hintergrund mit markanten Gebäuden, usw. (ganz zu schweigen von Geo-Tags). Ich gebe in einer Story zur Location auch nichts an, was mit einschlägigen Suchwerkzeugen zu einem Auffinden von noch recht unbekannten Orten führen kann.
  13. Vor allem halte ich die Klappe und gebe nicht mit einer tollen, noch unberührt aussehenden Location an. Deine "Freunde" in Facebook kennst Du oft nicht mal persönlich, schon gar nicht in einer Gruppe. Nichts verbreitet sich schneller als ein "Geheimnis", das unter dem Siegel des Vertrauens weitergegeben wurde. Willst Du daran schuld sein, daß hirnbefreite Sprayer auch diesen Ort demolieren?
  14. Ich sorge durch Argumente und Überzeugung dafür, daß meine Begleiter sich ebenso verhalten! In erster Linie versuche ich durch mein eigenes Verhalten zu überzeugen.

Habt Ihr auch eine Meinung dazu? Wenn ja, schreibt doch was dazu in die Kommentare zu diesem Artikel!

Bildnachweis:

  1. Zerstörungen, © Angela Krause