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Am Rande eines Übungsplatzes - Wittstock /Dosse

Am Eingang zum Übungsplatz

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Im Süden der mecklenburgischen Seenplatte, inmitten eines traumhaft schönen Heidegebietes, befindet sich der aufgegebene Übungsplatz Wittstock. Der Übungsplatz ist relativ jung, erst die sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) begannen ab 1952 mit der Nutzung durch Panzertruppen, dann mit der schrittweisen Enteignung der Grundstücke, offiziell als "Verkauf" ausgewiesen - aber zu lächerlichen Preisen. Im Tiefflug wurden Bomben abgeworfen, weswegen der Platz gemeinhin als "Bombodrom" bekannt wurde. Gegen die Nutzung war bis zum Abzug der sowjetischen Truppen praktisch kein Widerstand möglich.

 

Am Eingang zum Übungsplatz

Widerstand regte sich zunächst in den Wendemonaten, dann nach der Wiedervereinigung und erst recht, nachdem die GSSD die Nutzung 1992 einstellte und schließlich - ein Jahr später - ganz aus den neuen Bundesländern abzog.

Am Eingang zum Übungsplatz

Natürlich hatte von Anfang an die Bundeswehr ein Auge auf den Platz geworfen. Die Fähigkeit, im Tiefflug Bomben abzuwerfen, war aus deren kruder Weltsicht wahrscheinlich für die eine oder andere humanitäre Mission von Bedeutung.

Im Wald verblieben

In Brandenburg bildete sich die Bürgerinitiative "Freie Heide" mit dem Ziel, eine Nachnutzung des erhaltenswerten Areals (fast 120 km²) durch die Bundeswehr zu verhindern. Die Nutzung wurde der Bundeswehr in einem ersten Schritt durch das Bundesverwaltungsgericht am 14.12.2000 untersagt, solange kein ordnungsgemäßes Planungsverfahren durchgeführt worden sei. Ein solches Planungsverfahren habe rechtsstaatlichen Grundsätzen zu entsprechen.

Verweht

Vorangegangen war der gesamte Rechtszug: seitens mancher staatlichen Verwaltung wird ohne Rücksicht auf Chancen und Kosten der gesamte Rechtszug durchlaufen im Bewußtsein, dass der Gegner (der Bürger) irgendwann finanziell ausgehungert ist und aufgeben muss). Verwaltungsgericht - Klage gegen Bundeswehr erfolgreich; Berufung zum Oberverwaltungsgericht durch Bundeswehr - abgelehnt, Revision beim Bundesverwaltungsgericht - wiederum abgelehnt. Dabei ging es nicht mal so sehr um die Platznutzung an sich, sondern um die Einhaltung der Formvorschriften!

Im Sonnenlicht

Angesichts der zwischenzeitlich fast sieben Jahre weiter andauernden Nutzung kann man die Strategie dahinter nachvollziehen: Fakten schaffen und versuchen, den Bürger kleinzumachen, bzw. mit einem Prozeß durch alle Instanzen auszuhungern. Man darf nicht vergessen, dass in dieser Gegend recht wenig Arbeitsplätze vorhanden waren (und wohl immer noch nicht mehr wurden). Auch das kann Zwietracht zwischen die Betroffenen gesät haben.

Waldweg

Nach dem Urteil ließ sich die Bundeswehr wiederum reichlich Zeit und bastelte ein formelles Planungsverfahren zusammen. Praktischer Weise konnte die Betriebsgenehmigung im eigenen Hause - Verteidigungsministerium - erstellt werden. Immer gut, wenn man sich selbst Genehmigungen ausstellen kann!

Der Eingang

So ließ man sich also Zeit bis 2007. Wieder klagten Betroffene, am 31.07.2007 verwarf das Verwaltungsgericht Potsdam die neue selbst gebastelte Betriebsgenehmigung. Der Übungsbetrieb blieb untersagt. Natürlich legte das Verteidigungsministerium wiederum Berufung ein, die am 27.03.2009 vom Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zurückgewiesen wurde.

Der Durchblick

Natürlich wollte das Verteidigungsministerium von den Plänen nicht abrücken und beharrte stur auf der Weiternutzung.

Reflex

Inzwischen gab es aber auch noch Petitionen von Betroffenen an den Deutschen Bundestag. Nunmehr (02.07.2009) sprach sich der Bundestag auf das Votum des Petitionsausschnusses hin gegen die Weiternutzung aus.

Fensterlos

Zunächst wurde aber lediglich der Verzicht auf einen weiteren Ausbau erklärt. Das eigentliche Ziel, die militärische Nutzung komplett zu beenden, war damit aber noch nicht erreicht.

Die Wahrheit

Zitat aus der Wikipedia:

"Am 21. April 2010 teilte Verteidigungsminister Guttenberg in seiner Rede mit, dass für den Truppenübungsplatz Wittstock kein „anderweitiger militärischer Bedarf“ besteht. Die 80 Personen, die bei der Bundeswehr in Wittstock beschäftigt sind, werden abgezogen. Der Luftraum über dem Truppenübungsplatz wird wieder freigegeben. Für den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg Matthias Platzeck, die Bürgerinitiative „Freie Heide“ und die Anwohnergemeinden, die 17 Jahre lang gegen die Nutzung als Truppenübungsplatz gekämpft haben, ist dies ein großer Erfolg einer breiten Bürgerbewegung gegen den Bombenabwurfplatz."

Schulungssaal

Es folgte dann der Abzug der Garnison, und die Auflösung der ansässigen Übungsplatzkommandantur.

Der Widerstand gegen das "Bombodrom" war breit und ging quer durch alle Bevölkerungsschichten. Die touristische Nutzung war ebenso Thema wie Belange des Umweltschutzes. Auch antimilitaristische Gruppen hinterfragten den Sinn dieses Übungsplatzes: man muss sich erinnern, dass die Sollstärke der Bundeswehr gerade im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung drastisch reduziert wurde, bei gleichzeitigem Zugewinn von riesigen Militärliegenschaften im Osten Deutschlands.

Baracken

Zitat aus der Wikipedia:

"Der geplante Ausbau des Truppenübungsplatzes führte zu Protesten aus örtlicher Bevölkerung, Tourismusbranche und antimilitaristischen Gruppen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Region war der Ansicht, dass mit dem Bombodrom die Aussicht auf Wirtschaftswachstum durch Tourismus zerstört würde. Entsprechend hatten sich daher sowohl der Kreistag des Landkreises Ostprignitz-Ruppin als auch die Landtage von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie das Abgeordnetenhaus von Berlin positioniert. Alle relevanten Landesparteien unterstützten den Widerstand gegen das Bombodrom, aber auch Bundespolitiker, zum Beispiel die Vizepräsidentinnen des Bundestages Petra Pau (Die Linke) und Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen)."

Rauf und runter

Nach Angaben in der Wikipedia wurden 27 Prozesse vor Gericht gewonnen - alle in derselben Angelegenheit! Man sollte eigentlich glauben, dass ein halbwegs intelligentes Wesen dann auf die Idee kommen könnte, ständig zu verlieren sei irgendwie uncool ... auf Kosten des Steuerzahlers, ohne jegliche persönliche Verantwortung, läßt es sich aber prächtig prozessieren.

Bißchen versteckt

Böse Leute, die nur Schlechtes von der Bundeswehr denken, könnten natürlich - so eine schlimme Phantasie! - auch auf die Idee kommen, die Juristen im Verteidigungsministerium würden irgendwelche Kanzleien "draußen" beauftragen, und - uii welch Zufall - dort sitzen dann die guten Kameraden und Kumpels, und streichen die satten Honorare ein, die auch bei einem verlorenen Prozess zu zahlen sind. Wenn das wahr wäre (natürlich unterstelle ich nicht, dass es so ist!), schöne Gelddruckmaschine! Eine Erklärung, warum offensichtlich sinnlose Verfahren durch alle Instanzen geprügelt werden, wäre es jedenfalls.

Tod

Einen bitteren Nachgeschmack hat die Sache natürlich auch. Seit 1952 hagelte es Granaten und Bomben in die Heidelandschaft. Wie immer ist ein nennenswerter Anteil davon nicht wie geplant explodiert, sondern schlummert immer noch - ebenso gefährlich wie einst - unter einer dünnen Schicht Heidekraut oder Sand.

Zugang

Immer noch soll es 1,5 Millionen Granaten, Bomben und Blindgänger auf dem weiten Areal geben. Für einen Zeitraum von 15 Jahren soll der Bund 80 Millionen Euro für Räumungszwecke zur Verfügung stellen. Schätzungen sollen angeblich belegen, dass das gerade für jämmerliche drei Prozent der fast 120 km² reichen dürfte.

Weiterhin explodieren ständig Blindgänger, ausgelöst durch Erosion oder Wild. Sprengstoffe kristallisieren schon unter normalen Umweltbedingungen aus. Diese Kristalle sind höchst empfindlich gegen minimalen Druck oder Reibung. Geringste Bewegungen, auch Erschütterungen durch ein vorbeifahrendes Fahrzeug, könnten die meist noch intakten Zünder auslösen und zur Katastrophe führen.

Es ist noch auf Jahrzehnte nicht absehbar, dass eine öffentliche Nutzung jemals dort stattfinden kann. Dabei ist gerade in Deutschland offen zugängliche Naturfläche eine absolute Seltenheit geworden.

Etwas Forstwirtschaft scheint im Gelände stattzufinden. Dafür sprachen bei meinem kurzen Besuch (nicht einen Meter ins Gelände, immer schön auf vorhandenen Wegen!) ein betriebsbereiter Radlader in einer Garage, und ein riesiger, sehr frischer - in der Morgensonne dampfender - Haufen Hackschnitzel aus Kiefernholz. Der Geruch nach Terpentin war umwerfend!

Die Lage der hier gezeigten Gebäude zeigt die folgende Karte:


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(Daten z.T. entnommen /zitiert aus der Quelle: Seite „Truppenübungsplatz Wittstock“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. März 2016, 09:44 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Truppen%C3%BCbungsplatz_Wittstock&oldid=152129603 (Abgerufen: 1. April 2016, 07:37 UTC) )

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